
"Das Feiern eines Fehlers oder die Ehrung einer unerwartet ausfallenden Maschine", so beschreibt der spanische Künstler Joan Leandre die Filmcollagen seiner Serie In the Name of Kernel!. "Es ist die Entdeckungsfreude nach dem Zusammenbruch in dem Zeitalter von Datenüberdosis und leerem Fetischismus. Die Anomalie zu überleben."
Joan Leandre, geboren 1968 in Sabadell, Spanien, bewegt sich an der Grenze zwischen Hacking, Medien-Archäologie und Kunst. Bilder aus der Welt der Computerspiele stellt er in seinen Filmen assoziativ in neue Zusammenhänge oder manipuliert sie geschickt von innen heraus.
Die Modifikation von Computerspielen – diesem bildmächtigen Medium der digitalen Zeit – spielt für viele Künstler der New Media Art, etwa JODI oder Cory Arcangel, eine große Rolle. Bei Joan Leandre steht die Narration, die Erzählung von fremden Welten, im Vordergrund:
In seiner Arbeit retroyou (RC) (1999-2001) werden die Schwerkrafts-Parameter eines Rennspiels so verändert, dass das Auto nicht mehr auf der Straße, sondern völlig frei durch den Schein einer schwerelosen Welt steuert. In der 2006 begonnenen Serie In the Name of Kernel! lässt Leandre postapokalyptische Szenarien entstehen, in denen Flugsimulatoren abstürzen (Song of the Iron Bird, 2006-2008) und alle menschlichen Wesen aus der Landschaft eines Ego-Shooter-Spiels verschwunden sind (Lonely Record Sessions, 2009).
Im Namen des „Kernel“, des Kerns eines jeden Betriebssystems, in dem die Prozess- und Datenorganisation festgelegt ist, nimmt Leandre die illusorische Wirkung von Computerspielen und Benutzeroberflächen in Angriff. Doch sind dies keine rein formalen Spielereien. Vielmehr greift er subversiv die logische Struktur des Spiels und die damit zusammenhängende ideologische Maschinerie an – und schreibt die Illusion nach Belieben um.
Seit 1993 ist Joan Leandre Mitglied der OVNI Archives (Observatory of Non Identified Video). Er bezeichnet sich selbst als künstlerischen Medien-Übersetzer. Seine Werke wurden in zahlreichen internationalen Museen und Festivals ausgestellt, darunter das Centre George Pompidou, Paris, El Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, das ZKM, Karlsruhe, die Whitney Biennale und die Ars Electronica.